Mit etwas Abstand betrachtet

Mittlerweile ist es schon mehr als ein Jahr her, dass ich zu meinem fast elfmonatigen Aufenthalt in Italien aufgebrochen bin. Entsprechend habe ich das Land jetzt auch schon seit mehr als einem Monat verlassen, habe meine Familie wieder gesehen, eine neue Behausung in Leipzig bezogen, einen gänzlich unitalienischen Urlaub in den Niederlanden verbracht und versuche nun zur Physik und zum deutschen Universitätsbetrieb zurück zu finden. Mailand kommt mir schon wieder reichlich weit weg vor.

Schade ist es schon, dass ich das Blog doch so schleifen gelassen habe. Ich möchte jetzt immerhin noch aus der Retrosperspektive ein paar abschließende Worte zur Erasmuszeit hinterlassen. Viele, viele noch ungezeigte Bilder verlinke ich auch, der Einfachheit halber als Verweise zu schon bestehenden Alben auf Facebook. Da werden euch eventuell alle Kommentare außer meinen eigenen ausgeblendet, wodurch zum Teil vielleicht auch der Sinn verloren geht…

Sommervergügungen in Mailand

Man hat es vielleicht an meinen Beiträgen etwas gemerkt: Richtig wohlgefühlt habe ich mich in Mailand erst zum Schluss. Der Abschied war dann doch etwas traurig. Letztlich würde ich wahrscheinlich nicht noch einmal diese Stadt für ein Auslandsjahr wählen. Es ist zu schwer, Freunde zu finden. Der Stadt fehlt ein freundliches Lebensgefühl. Wäre sie kleiner oder hätte sie zumindest auch nachts ein angemessenes Verkehrsnetz, wäre vieles einfacher gewesen. Das heißt nicht, dass alles schlecht war. Die ein oder andere unterhaltsame Party gab es schon. Aperitivo und die italienische Küche fehlen mir. In Mailands Parks kann man es durchaus aushalten. Das Kulturangebot ist erstklassig und oft auch günstig oder kostenlos. Aber dieses typische Erasmusleben, das ich aus der ferne bei Freunden, die anderswo unterwegs waren, sehen konnte, habe ich wenig kennengelernt. In vielerlei Hinsicht unschön war da auch, dass fast alle im Wohnheim wohnten.

Um sich besser bei den italienischen Studenten zu integrieren, wäre es wahrscheinlich eine gute Idee gewesen, entweder nur Kurse aus einem der drei ersten Jahre (also entsprechend dem deutschen Bachelor) oder nur aus einer Vertiefungsrichtung der specialistica / des Masters zu wählen. Ein Praktikumskurs wäre vielleicht auch ganz klug gewesen. Man muss aber auch sagen, dass ich es mir einfach gemacht habe. Gerade am Anfang war es viel leichter, auf andere Ausländer zuzugehen.

Alles in allen, wenn auch nicht alles optimal war, bin ich doch glücklich, das letzte Jahr im Ausland verbracht zu haben. Die vielen Reisen im Land waren schön, die Kultur habe ich doch ganz gut kennen lernen können, mit der Sprache bin ich zum Schluss ziemlich gut zurecht gekommen und einige gute Freunde bleiben mir hoffentlich erhalten.

Allgemein fand ich die Art, wie in Italien an der Uni gelehrt wird, nicht so berauschend. Man hätte aber bei der Vorlesungswahl noch mehr daraus machen können.

Vorlesungen im 2. Semester

  • Ottica Quantistica (Quantenoptik) bei Casagrande
    Die war wirklich ziemlich interessant und auch mal gut strukturiert. Es gibt ein handschriftliches Skript zum Kopieren in der Bibliothek, was aber fast unleserlich ist. Unverständlich, dass man das in den letzten 10 Jahren nicht mal hat texen können — besser mitschreiben!
  • Informazione e Calcolo Quantistici 2 (Quanteninformationstheorie) bei Paris
    Schon ein interessantes Thema und sehr aktuell, der Dozent steckt wirklich in der aktuellen Forschung drin. Leider ist alles ziemlich abstrakt und der Vorlesungsstil besteht aus viel freiem Erzählen und wenig Tafelanschrieb, was für alle das Verständnis schwer gemacht hat, insbesondere, weil es für die Kursthemen wenig wirklich passende Literatur gibt.
    Hier habe ich auch die Prüfung gemacht, die ich nicht all zu schwer fand. Da konnte man auch mal eine Aufgabe zuhause vorbereiten.
  • Teoria dei Sistemi a Molti Corpi 1 (Vielteilchentheorie) bei Molinari
    Hier hatte ich mir viel erhofft, aber letztlich war es mir zu schwer verständlich und abstrakt. Es ging fast nur um irgendwelche Green’sche Funktionen, Feynman-Diagramme und Dyson-Reihen. Im Modul 2 würde davon für interessante Themen der kondensierten Materie Gebrauch gemacht. Ab dem kommenden Semester soll eh beides zusammen in einem sechsstündigen Kurs abgehandelt werden, was mörderisch sein wird.
    Sehr viel mitgenommen habe ich nicht hiervon. Immerhin habe ich beim Nacharbeiten endlich mal die Integration in der komplexen Ebene etwas anzuwenden gelernt.
  • Geometria 2 (Gruppentheorie und Topologie) bei Canuto
    Eine gut gehaltene Mathematikvorlesung, eigentlich zu elementar, vieles hatte ich schon vorher gehört. Ich dachte eigentlich, die Prüfung hätte ich noch für einen Schein fürs Nebenfach in Leipzig gebrauchen können. Wie ich jetzt mitbekommen habe, war das aber gar nicht nötig. Da hätte ich lieber etwas physikalischeres gehört.

Zu weiteren Vorlesungen im Sommersemester:

  • Teoria Statistica dei Campi Quantistici (statistische Quantenfeldtheorie) bei Caracciolo
    Da war ich nur die erste Woche. Die Vorlesung war gut und der Professor gab anscheinend regelmäßig in Englisch verfasste Skripte heraus. Mir kam es zu fortgeschritten vor, aber vermutlich hätte ich damit klarkommen können. Leider entschied ich mich dann am Anfang stattdessen für die Bassetti-Vorlesung (s.u.). Weil mir damals ärgerlicherweise noch die Prüfung in ART bevorstand, konnte ich nicht viele Vorlesungen parallel probieren.
  • Meccanica Statistica (statistische Mechanik) bei Bassetti
    Wieder ein Versuch, statistische Physik zu lehren, der an der Uni Mailand fehlschlägt. Die Vorlesung ist ein einziges Chaos, ständig Fehler in den Rechnungen, unverständliche Anschriebe, halbe Argumentationen. Trotz allem ist der Dozent engagiert dabei, fragt öfters nach, ob man ihn  gut verstanden hätte. Das hilft aber auch nur bedingt. Ich frage mich, wie es sein kann, dass er nicht mal die Vorlesungen vernünftig vorbereitet, wenn er den gleichen Kurs seit Jahren bis Jahrzehnten stets hält.
    Zu allem Überfluss lief es so, dass die Vorlesung zweimal die Woche jeweils 180 Minuten stattfand. Als der Prof irgendwann länger krank war, bin ich danach kaum noch hin gegangen. Entsprechend fand die Lehrveranstaltung dann noch länger als alle anderen und zum Schluss dann noch öfter in der Woche statt…
  • Informazione e Calcolo Quantistici 1 (Quantum Computing) bei Strini
    Hier wäre es vornehmlich um Quantencomputer gegangen. Der ziemlich alte Dozent nuschelte für mich fast unverständlich im römischen Akzent und schimpfte ziemlich viel über alles mögliche. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich hier viel lernenwürde. Ich hab aber gehört, dass einige ganz zufrieden waren.

Gut gemacht, klar strukturiert und sehr anspruchsvoll wäre z.B. auch die Vorlesung über Gravitation und Superstrings gewesen, aber ich konnte nicht alles probieren.

Reiseremineszenzen

Hier folgen nun die Fotogalerien mit Bildern, die ich hier noch nicht veröffentlicht habe. Es gibt viel zum Durchklicken, aber es lohnt sich zum Teil echt und geht bei Facebook ziemlich schnell! Einfach aufs jeweilige Bild klicken und schon geht es los.

Februarreise von Bari über Neapel, die Toskana und Bologna zurück

Bari

Bari

Neapel

Neapel

Amalfiküste

Amalfiküste

Pompeji und der Vesuv

Pompeji und der Vesuv

Siena

Siena

Florenz

Florenz

Pisa und Lucca

Pisa und Lucca

Bologna

Bologna

Elternbesuch zu Ostern, zu viele Ausflüge

Bozen

Bozen

Venedig

Venedig

Verona, Turin & Mailand

Verona, Turin & Mailand

Anbaden in Desenzano am Gardasee

Desenzano

Desenzano

Pavia im Mai

nicht sooo aufregend

Pavia

Pavia

Granada, ein Abstecher nach Spanien

auch da ist’s sehr schön, tanzt hier natürlich aus der Reihe

Granada

Granada

Mit Dominik am Lago Maggiore: Stresa und Inseln

wir waren auch in Parma, Modena und natürlich Mailand unterwegs, aber da habe ich noch keine Fotos hochgeladen

Lago Maggiore

Lago Maggiore

Sechs Tage Sizilien

Meine Abschlussreise mit Nyima zusammen war toll und doch haben wir so viel nicht sehen können. Trotzdem gibt es hier ziemlich viele Bilder:

Sicilia

Sicilia

Ich bin recht zufrieden mit dem, was ich vom Land gesehen habe..

La Primavera

Ich finde leider nicht so oft die Ruhe, einen Eintrag für das Blog zu schreiben, wie ich ursprünglich geplant habe. Das Semester ging nicht so richtig ruhig los dank der Prüfung am 19. März. Richtig ausgiebig auf sie konzentriert habe ich mich nicht, an den Abenden viele andere Sachen gemacht. So sind es dann nur 22/30 Punkten geworden, was etwa einer deutschen Drei entspricht. Der Professor kommt aus Deutschland, so haben wir die Prüfung auf Deutsch gehalten (eine Ausrede weniger…).

In der Zwischenzeit ist in Mailand richtiger Frühling eingekehrt. Relativ warme Temperaturen und konstanter Sonnenschein haben die letzten Wochen dominiert. Seit Samstag ist damit aber fürs erste wieder Schluss und es regnet mailändisch-durchgängig.

Zwischendurch hatte ich zwei Tage lang Besuch von Hermann aus Deutschland. Eine Nacht war glücklicherweise mein Zimmernachbar nicht da, so dass wir sein Bett offiziell für fünf Euro Gebühr «leihen» konnten, die andere Nacht hatten wir Glück, dass einer der netten Portiere Dienst hatte und ich meinen Besuch illegal bei mir im Zimmer auf dem Boden schlafen lassen konnte. Ganz ohne hinterlegtes Ausweisdokument und auch noch nach 1 Uhr morgens. Das ist nicht selbstverständlich.

Mittlerweile finde ich mich ganz gut in der Stadt zurecht und bekomme dadurch auch öfter mit, wo gute Partys stattfinden. Leider kenne ich nicht all zu viele Leute, die auch Lust haben, was anderes mit dem Freitag- und Samstagabend anzustellen, als in die immergleichen Diskos «Alcatraz» und «Rolling Stone» zu gehen, in denen es Sonderkonditionen für Erasmus-Studenten und schlechte Musik gibt. Aber auch zu dritt kann man sich gut amüsieren.

Genauso nervig ist, dass «der» Erasmus-Treffpunkt in der Stadt ausgerechnet das «Old Fashion» am Mittwoch ist. Sonst ein Hort der Schickeria, bin ich da oft genug dafür, dass es mir da eigentlich gar nicht gefällt. Immerhin gibt es ein komplett kostenloses Buffet.

Nicht ganz trivial ist es immer noch, ohne Auto zwischen ein und sechs Uhr wieder nach Hause zu kommen. Es gibt die Busse 90 und 91, die die ganze Nacht über einen großen Kreis im und gegen den Uhrzeigersinn um die Innenstadt fahren. Das dauert aber auch seine Zeit und mehr als zwei- oder dreimal in der Stunde kommen diese Busse nicht und einen fühlbaren Teil muss man immer zu Fuß zurück legen.

Dieses Debakel haben auch andere Leute erkannt. Letztens habe ich einen Flyer von der demokratischen Partei, die lokal wie national zur Opposition gehört, mit einem Vorschlag für ein der Größe der Stadt angemessenes Nachtbusnetz in die Hand gedrückt bekommen.

Schade nur für mich, dass das nicht schon vor ein paar Jahren angegangen wurde. Für mehr abendliches Leben in der Stadt würde es bestimmt sorgen. Nach acht Uhr abends scheinen die Straßen leider in der Regel wie ausgestorben. Etwas los ist jetzt, wo es wärmer wird, immerhin am Wochenende «alle Colonne», an einer Reihe römischer Säulen an der Basilika San Lorenzo, und — aus irgendeinem Grund nur mittwochs — am «Mom», einem Straßencafé direkt an einem kleinen Stück Park, in dem Heerscharen von Studenten billiges mitgebrachtes Bier trinken.

Eine andere tolle Entdeckung der letzten Zeit in bequemer Fußreichweite ist das «Birrificio Lambrate». Eine Kleinstbrauerei mit angeschlossener Kneipe. Sie produzieren neun verschiedene Sorten Bier, von denen ich bislang drei mit Genuss probieren konnte. Das Ambiente ist rustikal, die Atmosphäre sehr freundlich. Die meisten Gäste kommen regelmäßig, werden von der Bedienung namentlich begrüßt. Es ist immer proppevoll. Der reguläre Preis von 4,80 Euro für die «birra media» klingt für deutsche Ohren erstmal happig, ist in Italien aber leider ganz normal. Entsprechend selten bin ich in hier in Mailand auch in Kneipen unterwegs. Wenn man früh Durst hat, kann man immerhin auch schon vor 20 Uhr kommen, zahlt etwas weniger und kann sich an einem feinen kleinen Aperitivo-Buffet kostenlos beiden.

Das Kulturangebot konnte sich wieder sehen lassen. Gerade gibt es im Palazzo Reale eine sehr große, wunderbar aufbereitete Ausstellung zum 100. Geburtstag des Futurismus, der immerhin von Mailand ausging und dominiert wurde. Sehr empfehlen kann ich auch jedem, der an der Mailänder Uni studiert, sich in die Mailinglisten für Kulturangebote einzutragen. So konnte ich vor ein paar Wochen z.B. kostenlos ein sehr schönes Streicherkonzert des Emerson-Quartetts hören. Durchaus lohnenswer ist auch das große Technikmuseum «Leonardo da Vinci».

Gleich nach meiner Ankunft habe ich bei der Erasmus-Studenten-Organisation ESN angegeben, dass ich mich über einen Sprachtandempartner für deutsch-italienische Gespräche, freuen würde. Daraus ist nie etwas geworden und auch bei drei verschiedenen — sonst lustigen — Veranstaltung zur Vermittlung eines Sprachpartners habe ich nie jemanden gefunden, der gerne Deutsch lernen würde. Jetzt vor kurzem müssen sie bei ESN wohl die alten Listen wieder hervorgekramt haben und ich bekam vor einer Woche eine enstsprechende Mail und eine sehr nette italienische Sprachpartnerin vermittelt. Es ist eine schöne Idee, kann wirklich Spaß machen und für beide lehrreich sein.

Ich fühle mich jetzt viel wohler in der Stadt als noch vor ein, zwei Monaten. Dass ich recht lange brauche, um mich ein zu leben, weiß ich gut, aber hier hat es deutlich länger gedauert als anderswo. Mailand ist zu groß, um übersichtlich zu sein, und ist auf die ersten Blicke eher abweisend. Bei mir kam noch der Start in dem ersten Wohnheim, mit dem ich nicht gut zurecht gekommen bin, und der ziemlich späte Wechsel in das neue, in dem ich mich auch lange fremd gefühlt habe, hinzu.

Vor einer Weile habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt, vielleicht nach dem ersten Semester abzubrechen. Richtig angekommen und gut integriert habe ich mich nicht gefühlt und auf die Art, wie hier Physik gelehrt wird, lerne ich nicht so viel, wie ich könnte, obwohl es einige sehr interessante Vorlesungen gibt. Ich bin froh, mich nicht zum Abbruch entschieden zu haben, denn jetzt geht es mir wirklich gut. In einer kleineren oder «lebensfreundlicheren» Stadt wäre es wahrscheinlich schneller gegangen.

Zwischenruf

Ich bin jetzt schon seit fast zwei Wochen wieder zurück in Mailand. Die Reise hat sich wirklich gelohnt.

Leider hat die neue Vorlesungszeit auch sofort nach meiner Ankunft begonnen und erst für den 19. März ist meine Prüfung in allgemeiner Relativitätstheorie zur Vorlesung aus dem letzten Semester angesetzt. Meine Zeitplanung kann man nur mangelhaft nennen: Hätte ich den Januar und Anfang des Februars besser genutzt, könnte ich die Prüfung bereits hinter mir haben und würde nun nicht gestresst gleichzeitig zu viele Vorlesungen «ausprobieren» und den Stoff von vor Monaten nacharbeiten müssen.

Den bebilderten Reisebericht und weitere Neuigkeiten muss ich deswegen erstmal hinten anstellen.

Ein kleiner Giro d’Italia

Meine Zeit habe ich für die Uni nicht so effektiv wie möglich genutzt. Deswegen ziehe ich die Prüfung in allgemeiner Relativitätstheorie doch nicht in die vorlesungsfreie Zeit im Februar vor, sondern werde sie mit den anderen Studenten im regulär vorgesehen Prüfungszeitraum erst im März ablegen. Dann werden leider schon die neuen Vorlesungen begonnen haben, was für etwas Stress sorgen wird.

Dass es jetzt nichts mehr im Februar wird  liegt vor allem an einem halbgaren Plan, den ich von Anbeginn hatte. Ich wollte zwischen den Semestern Italien von Süden nach Norden durchreisen. Komplett Ferien könnte ich aber, wie ich erst später fesstellte, nur haben, wenn ich darauf verzichten würde, überhaupt auch nur eine Prüfung abzulegen. Wegen knapperer Zeit, knapper Planung und der Tatsache, dass ich mittlerweile ja schon einige Ecken vom Land unabhängig besucht habe, ist der Plan etwas zusammengeschrumpft.

Ich fliege nicht nach Palermo, belasse Sizilien für ein anderes Mal bei wärmeren Temperaturen, sondern morgen früh nach Bari in Apulien, kurz bevor Thomas, den ich noch aus Perugia kenne, wieder in die österreichische Heimat zurückkehrt. Das weitere Mezzogiorno-Erlebnis beschränke ich auf ein paar Tage in und um Neapel, eine widersprüchliche Stadt auf die ich enorm gespannt bin. Auf den ersten Blick sei sie hässlich, innerlich schön, hört man. Über das Kleinverbrechen und die Mafia werden in ganz Italien Horrorstories erzählt. Als Reiselektüre habe ich mir heute das Buch Gomorrha über die kampanische Comorra von einem investigativen Journalisten, der seit der Veröffentlichung unter Polizeischutz lebt, gekauft. Das wird wieder eine Herausforderung für meine Sprachkenntnisse, ich rechne damit, die Hälfte der Zeit eher im Langenscheidt zu blättern.

Ab Napoli sind meine Pläne diffuser. Rom lasse ich dieses Mal links liegen und wahrscheinlich auch alles westlich und östlich davon auf dem Weg, weil es dank der Gebirge etwas umständlich würde. Ich habe gesehen, dass es einen Nachtbus direkt von Neapel nach Siena in der Toskana gibt, den ich mir fürs erste vorgenommen habe. Dann muss auf jeden Fall Florenz sein, vielleicht auch noch ein paar andere Orte. Ich muss noch sehen, wie es mit der Zeit und der Laune aussehen wird. Auf dem Rückweg nach Mailand möchte ich auf jeden Fall Halt in Bologna machen, wo ich noch die Finnin Paula aus der Zeit in Perugia kenne.

Spaß mit der Mensa-Karte

Wenn es das ISU, das Äquivalent des Studentenwerks nicht gäbe, käme ich viel seltener in den Genuss, die italienische Bürokratie am eigenen Leibe zu erfahren. Diese Geschichte hat sich schon vor ein paar Wochen zugetragen, aber ich möchte sie nicht für mich behalten.

Das Corpus Deliciti

Das Corpus Delicti

Am 21. Januar wollte ich wie gewohnt meine am Anfang ausgehändigte Plastikkarte in der Mensa vorzeigen, um den Vorzug zu erwerben, nur erträgliche 2,80 € für mein Menü zahlen zu müssen.

Im Traum vielleicht. «Tessera scaduta» las mir die Frau an der Kasse vor, Abo abgelaufen. «Es ist doch schon der 21.» Ich machte Augen wie ein Auto. Ich müsse jetzt den vollen Preis von 6,66 € (sic!) bezahlen, solle dann zum ISU gehen und bekäme gegen den Bon dann auch die Differenz ausgezahlt. Von einem etwaigen Ablaufdatum der Karte war mir zwar nie etwas gesagt worden, aber ich willigte zähneknirschend, weil hungrig, ein.

Am Tisch angekommen, nickten die italienischen Studenten wissend, ja, ihre Karte hätten sie schon erneuern lassen. Das stehe jedes Jahr an. Als Tipp bekame ich noch gesagt, dass ich gar nicht bis in die Innenstadt zum Hauptsitz fahren müsse, sondern zur Geschäftstelle in der Nähe, im sogenannten «Centro Universitario», gehen könne.

Da angekommen stellte ich fest, dass das Büro natürlich schon um 12.30 Uhr geschlossen hatte und nie nachmittags öffnete. Schöne Schande, am nächsten Tag würde ich nach Rom aufbrechen und eigentlich hatte ich vor, während meiner Abwesenheit die Karte im «Ristorante Zhaolong» zu hinterlegen.

zhaolong

Es ist ein von Chinesen betriebenes Restaurant, das eine merkwürdige Mischung aus chinesischer und italienischer Küche anbietet. Man kann als Primo Spaghetti all’arrabiata essen und dann als Secondo Hähnchen süß-sauer. Daneben betreiben sie noch einen echten holzgefeuerten Steinofen. Sie kooperieren auch mit dem ISU, so dass ich hier abends auch für den Betrag von 2,8o € essen kann. Alternativ kann man sich auch einfach eine ordentliche Pizza Margherita schenken lassen. Schön ist, dass wenn man das einmal nicht ausnutzen kann oder will, man die Karte auch einfach so auswerten lassen kann. Dann bekommt das Restaurant die Kostenerstattung vom ISU und der Student einen Bon, mit dem er dann z.B. an einem anderen Tag kostenlos das Menü essen kann.

Diese vermutlich nicht ganz regelgemäße Praxis blieb mir nun verwehrt.

Aus Rom zurück ging ich während der Öffnungszeiten zum erwähnten Büro in der Gegend. Dort geriet ich an die unfähigste Verwaltungsdame, die ich je erlebt habe. Ich schilderte ihr mein Problem, sie verstand es nicht richtig. Im Computer wurden ihr Dinge angezeigt, die sie noch nie gesehen hatte. Der herbeigerufene Kollege hatte auch keine Ahnung. Letztlich beschloss sie, dass meine Karte noch vom akademischen Jahr 2007/08 sei, diese bis zum 31. Januar verfallen würde, und dass ich sie jetzt sofort ohne Widerrede abzugeben habe. Sonst müsse ich 10€ Strafe zahlen. Dann solle ich morgen zur Zentrale in der Innenstadt gehen. Ob ich denn dann da eine neue Karte bekommen würde, fragte ich. «Hoffentlich» war die Antwort.

Das Büro in der Innenstadt hatte an dem Tag anderthalb Stunden geöffnet und zwar die meiste Zeit mit nur einem von vier Schaltern. Das lag laut Aushang daran, dass die Zeit des erhöhten Bedarfs verstrichen sei. In der Realität hieß das, dass ich eine Dreiviertelstunde warten musste, bis ich endlich dran kam. In der Zwischenzeit hatten alle Mensen geschlossen, wieder ein hungriger Mittag. Meinen Bericht wollten die Verwaltungsdamen nicht recht glauben. Das gehe so gar nicht, man müsse doch nur eine Einstellung auf dem Chip ändern, dann ginge die Karte wieder. Ich sollte wieder zurück zu ersterem Büro fahren und die Karte zurück fordern.

Ich bat. Ich flehte. Ich erklärte, dass ich doch keine Ahnung gehabt habe und am Vortag eine Erklärung unterschrieben habe.

Irgendwann erwarb ich Verständnis und bekam eine neue Plastikkarte ausgehändigt. In Zukunft solle ich gleich zu ihnen kommen und das auch allen meinen Erasmusfreunden sagen. Auf andere Ideen würde ich gar nicht mehr kommen.

Eine Sache war noch offen. Ich wollte aus Prinzip meine versprochen zuviel gezahlten 3,86 €. Dazu wurde ich ins Büro der für Erasmus-Mensa-Angelegenheiten zuständigen Dame verwiesen.

Die hatte noch nie davon gehört, dass jemand sein Geld zurück erstattet bekommen könne. Es sei doch meine Schuld, wenn ich die Karte nicht rechtzeitig erneuern lasse. Warum habe ich denn nicht einfach auf die ISU-Web-Site geguckt, da stünde das doch? Einmal hatte mir nie jemand gesagt, dass dort relevante Nachrichten veröffentlicht würden. Andererseits gab es dort nur einen Eintrag der sich auf Karten des akademischen Jahrs 2007-2008 bezog. Wie sollte ich darauf kommen, dass er für mich relevant sein könne, wenn ich die mailänder Universität nur im Jahr 2008-2009 besuche?

Ihre Lösung sah so aus: Sie lag mir ein Blatt Papier und einen Stift hin. Ich sollte den Vorgang schildern und meine Telefonnummer hinterlassen. Wenn irgendwann dann einmal Gelder für Fälle wie meinen zur Verfügung gestellt würden, würde sie sich bei mir melden. Don’t call us, we call you. Grinsend willigte ich ein. Was mit der Ablage, in der solche Anliegen landen, geschieht, kann ich mir mittlerweile gut vorstellen.

Prüfungen links und rechts

Hier in Mailand ist es unglaublich sonnig geworden, so richtig finde ich wieder nicht die Motivation, mich wie gedacht mit den Relativitätstheorie-Notizen auseinander zu setzten. Ich hoffe, es wird jetzt bald richtig Frühling. Dazu muss es nur noch etwas wärmer werden.

Mein Zimmernachbar, der ja auch in Physik Erasmus macht, hat heute auch eine Prüfung  abgelegt. Er war noch viel schlechter vorbereitet als ich, die Vorlesung hingegen noch deutlich umfangreicher als meine. Bei ihm ist es allerdings auch so, dass er generell eine Änderung der Studienrichtung im nächsten Studienjahr plant. Wie sinnvoll man es jetzt finden soll, nur noch irgendwie durch die Prüfungen zu rutschen (bestehen egal), um solange nicht die Erasmus-Unterstützung zu verlieren, mag man für sich entscheiden. Mir macht es jedenfalls das Studium nicht leichter. Hier fehlt mir die «akademische Atmosphäre»; leider habe ich auch zu den lokalen Studenten nicht sehr dicht aufgeschlossen. Wie dem auch sei, der Wunsch, ihn einfach durchfallen zu lassen, wurde ihm nicht gewehrt. Stattdessen bekommt er jetzt am Montag eine dreistündige Privatlehreinheit mit anschließender Chance zur neuen Prüfung am Nachmittag. Ohne den Stoff verstanden zu haben, lässt der Dozent ihn nicht gehen. Immerhin, mangelnden Einsatz in der Lehre kann man hier nicht allen Professoren vorwerfen.

Eigentlich ist Prüfungszeit

Seit Ende Januar gibt es keine Vorlesungen mehr. Diesen Zustand nennt man hier aber nicht mal inoffiziell Ferien, denn jetzt finden die ganzen Prüfungen statt. Das italienische System finde ich ja schon die ganze Zeit merkwürdig: das ganze Semester über gibt es zu den Vorlesungen in der Regel nichts zu tun, keine Übungsaufgaben, keine Vorträge, nichts. Anschließend folgt dann eine mündliche Prüfung, für die man am besten möglichst alles im Kopf haben sollte. Die können die italienischen Studenten beliebig oft wiederholen und geben sich deshalb nur mit wirklich guten Ergebnissen zufrieden.

Ich lerne auf die Art nicht wirklich viel: Direkt für Prüfungen zu lernen fällt mir sehr schwer, besonders wenn ich mich parallel zur Vorlesung noch nicht ausreichend mit den Themen auseinandergesetzt habe. Richtig motiviert zum Lernen bin ich auch nicht, denn die Ergebnisse der Prüfungen zählen eigentlich gar nichts für mich. Vielleicht wäre es besser, so einen Erasmusaufenthalt früher im Studium einzuplanen, wenn man noch nicht alle Pflichtscheine zusammen hat. Das sind in Leipzig nämlich gar nicht so viele. Viele Möglichkeiten Wahlpflichtscheine zu machen sehe ich für mich auch nicht unbedingt.

Deswegen habe ich beschlossen, mich nur in den zwei von meinen vier Vorlesungen, die ich interessant gefunden habe, prüfen zu lassen. Nach dem Rom-Ausflug wollte ich mich eigentlich intensiv auf «Struttura della Materia 2» vorbereiten, aber so richtig geklappt hat das nicht.  Zu den ersten Teilen waren meine Aufzeichnungen noch eher lückenhaft — meine Fähigkeiten im italienischen Mitschreiben haben sich klar verbessert — und die Skripte im Netz noch nicht englisch wie bei den späteren. Das war mühsam. Zahlreiche Ablenkungen, besonders abends, und meine begrenzte Motivation taten ihr übriges dazu, dass es eher schleppend voran ging.  Die letzten Tage war ich dann enorm gestresst, schlief schlecht und konnte mich nicht gut konzentrieren. Nein, auf Krampf lernen kann ich wirklich nicht.

Alles geschafft habe ich so dann wirklich nicht, bin trotzdem am Dienstag, 10. Februar, schlecht vorbereitet zur Prüfung gegangen. Der Dozent war schon vorher verwundert, dass ich schon so früh einen Termin wollte. Meine zahlreichen Lücken waren natürlich sichtbar. Die Prüfung dauerte über eine Stunde und ich habe immerhin dabei einiges gelernt. Das Ergebnis von 25/30 auf der italienischen Skala ist äußerst mittelprächtig, aber eben auch egal. Er hatte auch viel Verständnis für meine Situation.

Ursprünglich wollte ich die Prüfung in allgemeiner Relativitätstheorie auch schon in den Februar vorziehen. Vom 18. an mache ich aber eine kleine Italienreise und das ist mir jetzt zu knapp geworden. Ich möchte sie jetzt im März zum regulären Termin ablegen. Dummerweise werden dann schon die Vorlesungen des zweiten Semesters begonnen haben. Ich hätte wohl die Zeit am Anfang des Jahres besser nutzen sollen. Im Nachhinein hätte ich den Rom-Trip lieber sein gelassen und wäre dafür vielleicht nur ein oder zwei Tage nach Bologna oder Turin gefahren.

Beschäftigung abseits der Bücher

Im Palazzo Reale findet gerade eine große Ausstellung mit Bildern von René Magritte statt. Die 7€ waren durchaus gut angelegt. Leider fanden das auch viele, viele andere Besucher. Die Web-Site ist auch sehr schön gemacht.

Viele, viele Mailänder Aperitivi wurden wieder besucht. Einen Abend war Matus, ein Slowake, den ich noch vom Sprachkurs in Perugia kenne, bevor er wieder nach hause zurück kehren würde, in Mailand. Während ich mir anhören durfte, wieviel schöner es doch in Trient sei, wo er studiert hat, suchten wir an diesem Montagabend im hässlichsten Mistwetter die leergefegten Navigli nach einer genehmen Bar ab, fanden schließlich mit Mühen auch eine. Der Cocktail war ausgezeichnet, das Essen spanisch-italienisch und die Musik auch. Italienischer Sänger nehmen ihre Lieder oft auch auf Spanisch auf, um ein größeres Publikum zu erreichen. Dank des Akzents habe ich das gar nicht gemerkt, bis mir aufgefallen ist, dass ich viel weniger als sonst verstand.

Eine nette Bar, die endlich mal gar nicht so mailändisch-schick ist, ist das Café Frida. Die Happy Hour mit ordentlichem Buffet und Bier für 4€ ist wirklich ein Schnäppchen, das Ambiente ist angenehm entspannt und die Gestaltung hechelt nicht den Trends hinterher.

Gerade verabschieden sich die ersten Erasmusler, die nur ein Semester geblieben sind, und es erscheinen auch schon neue zum zweiten Semester. Eine komische Situation.

Eine schöne Veranstaltung habe ich am letzten Donnerstag zum ersten Mal besucht. Im Teatro Derby treten, wieder zur Happy Hour mit Getränk und Buffet für 5€, angehende Comedians auf und versuchen die Gunst des Publikums zu erwerben. Alles verstanden habe ich natürlich wieder nicht, aber lustig war es trotzdem.

Am Freitag haben Nyima und ich eine kleine Party bei uns in den Zimmern veranstaltet. Hauptsächlich wollten wir eigentlich die Leute aus dem alten Wohnheim einladen, aber die nahmen die Prüfungen wohl ernster als wir und so kamen viel weniger als erwartet. Es war trotzdem nett, aber ein etwas früherer Termin wäre doch besser gewesen.

Ein Highlight, zu dem ich mich nach der Prüfung spontan entschlossen habe, gab es vorgestern: Mogwai live im «Rolling Stone». Die schottische Band, die das Genre «Post-Rock» im heutigen Verständnis mitdefiniert, spielten ein großartiges Konzert, lange Themen, gefühlvolle ruhige Phasen und Klangflächen, gewaltige Ausbrüche. Mogwai gilt als lauteste Band der Welt, aber das zum Glück nicht die ganzen Stücke durch, die dynamische Bandbreite ist unglaublich. Im vollgepackten Saal hielt sich die Gehörbeeinträchtigung dann auch in Grenzen. Die Beleuchtung war sehr stimmungsvoll, die Bühne wurde in zur Musik abgestimmte Farben getaucht. Ansonsten hielten sich die Musiker sehr zurück, spielten hoch konzentriert ohne irgendwelche Show ihre Songs.

Eine tolle Entdeckung war für mich die Vorband Errors. Diese gelungene Mischung aus Elektro und Rock wird im Auge behalten.

Mal wieder nach Rom

Im November im alten Wohnheim, als ich noch nicht lange von meiner letzten Rom-Reise zurück war, ging plötzlich die Frage um, wer alles im Januar für einige Tage mit Ryan-Air für 2 ct nach Rom und zurück fliegen wollte. Das Risiko war ja gering: Wenn sich herausstellen sollte, dass man die Reise nicht antreten können würde, hätte man kaum Geld verloren. Also willigte ich einfach ein, ließ die Sache dann aber erstmal auf sich beruhen.

Nun wurde es Januar und ich erinnerte mich an die Pläne. Ich war jetzt doch etwas skeptisch, ob es eine gute Idee sein würde. Vorher hatte ich mir nicht so recht bewusst gemacht, dass es um fünf ganze Übernachtungen gehen würde, fast eine Woche in der ewigen Stadt vom 22. bis zum 27. Januar. Meine Reisegenossen wohnten jetzt alle am anderen Ende der Stadt. Das erschwerte die Kommunikation. Ich war etwas skeptisch, ob ich noch viel mit ihnen anfangen können würde.

Relativ kurzfristig nach eingehenden Überlegungen sagte ich mir dann aber: Was soll’s, man muss die Erasmus-Zeit nutzen, wie man kann. Die Vorlesungen waren schon vorbei und die Prüfungen schienen noch fern.

Im Verlauf der Tage in Rom wurde mir leider immer klarer, dass ich mit meinen Bedenken recht gehabt hatte. Unschönerweise regnete es  fast jeden Tag. Die Zeit wurde recht lang in Anbetracht dessen, dass ich erst zweieinhalb Monate zuvor für drei Tage da war. Wir waren für meinen Geschmack zu viele Leute: Neben mir noch fünf Spanier und zwei Franzosen. Es sind alles nette Leute, aber ich gehörte nicht richtig dazu und meine Mentalität ist doch ziemlich anders.

Letztlich habe ich an den letzten drei Tagen dann ziemlich viel alleine gemacht, ich kannte ja auch einiges schon vorher, was für die anderen neu war. Spaß hatten wir durchaus auch. Einige Abende waren sehr lustig. Ich konnte auch Katrin aus Leipzig und João aus Portugal, den ich noch aus Perugia kannte, wieder sehen. Bei beiden standen allerdings Prüfungen an.

In Rom gehen die Sehenswürdigkeiten auch nur wirklich langsam zu Neige. Nicht gesehen habe ich etwa immer noch die vatikanischen Museen mit der sixtinischen Kapelle. Interessanter als die Kirchen finde ich aber schon immer die antiken Zeugnisse. Jetzt habe ich aber für eine Weile auch genug von römischen Ruinen.

Spannend war Ostia Antica, wo ich am einzigen sonnigen Tag alleine hingefahren bin (ein Standard-Metro-Ticket reicht!). Die alte Hafenstadt Roms ist sehr gut erhalten. Man kann durch die Ruinen der ganzen Stadt gehen und sieht dabei mehrere Thermen, Foren, ein Amphitheater, antike mehrstöckige Wohnblocks, Tavernen; oft mit Mosaiken geschmückt. Ohne Führung läuft man allerdings Gefahr, die Orientierung zu verlieren und irgendwann nur noch Steine zu sehen.

       

Beeindruckend waren auch die ziemlich gigantischen Thermen von Karakalla in Rom selbst, das Kolosseum endlich auch von innen und die Führung durch die alten christlichen Gräber in den Katakomben unter der Via Appia. Am letzten Tag besuchte ich noch die kapitolinischen Museen mit ihren einzigartigen antiken Statuen. Meine volle Auffassungsgabe war dann aber schon weitgehend erschöpft.

   

Städtereisen in Zukunft wirklich nur noch in kleinerer Zusammenstellung!

Januar

Wieder ist über ein Monat vergangen seit dem letzten Update. Einer gewissen Trägheit, die mich zu Beginn des neuen Jahrs einnahm, kann man wohl die Hauptschuld zuschreiben. Ich war allerdings auch nur etwas mehr als die Hälfte der Zeit in Mailand. Zwischendurch plagten mich außerdem Computerprobleme: In mehreren, langwierigen Anläufen habe ich versucht, die Linux-Distribution openSUSE auf meinen Laptop installiert zu bekommen, aber es war alles vergebens. Mit Kubuntu bin ich jetzt doch wieder glücklich geworden und die Installation war eine Sache von Minuten, nicht Stunden.

Rückkehr und Neuanfang

Dem eisigen deutschen Winter mit Temperaturen um die -20°C entwich ich gerade noch, als ich am 4. Januar zurück nach Mailand kam. Die ersten Tage in meinem neuen Wohnheim «Via Bassini» waren merkwürdig. Es war ziemlich kalt in meinem Zimmerchen, denn ich hatte die Heizung ausgedreht, bevor ich nach Deutschland aufgebrochen war. Es war kaum jemand da, denn die meisten anderen Bewohner kamen frühstens eine Woche später. Auch meine anderen Bekannten in Mailand waren noch nicht da. Verbunden mit dem neuen Glück des ganz eigenen Einzelzimmers mit halbwegs brauchbarem Internet-Zugang führte das zu einem ziemlich verhutzelt-zurückgezogen Start ins neue Jahr. Zum Glück begonnen für mich dann auch bald die letzten Vorlesungsstunden.

Mit dem ersten Unitag am Mittwoch dem 7.1. einher ging eine kleine Sensation für Mailand: Über 30cm Schnee. Ein Glück, dass ich nicht jetzt erst geflogen kam! Das wäre keine Freude bei dem Verkehrchaos gewesen. Eine Woche später war aber auch nur noch Matsch übrig. Und das Wetter zeigte sich wieder ganz normal milanesisch.

Wieder Klausurennot

Am Anfang belastete mich dann die anstehende zweite unsägliche Klausur zur Vorlesung über statistische Physik am 11. Januar. Das erste Wochenende war dadurch nicht das tollste, richtig intensiv vorbereitete ich mich zwar nicht, war aber auch nicht in der Lage, die Zeit produktiver zu nutzen. Letztlich arbeite ich die Inhalte durch und war dann auch in der Lage, die geforderten Rechenaufgaben zu lösen. Der Knüller waren dann aber wieder die inhaltlichen Fragen, zu denen man das Skript im Prinzip auswendig können musste. Wirklich alle anderen nahmen entweder eigene Ausarbeitungen oder gleich den ganzen Ordner mit in die Klausur und schrieben einfach heimlich daraus ab. Gedächtnistechnisch und zeitlich wäre es auch kaum anders möglich gewesen. Mir wurde erzählt, dass sie zur Beantwortung aller Fragen 8 Seiten herunter schrieben. Ich denke auch, dass der anwesende Übungsleiter und Tutor wussten, was geschieht und wegschauten.  Eine reine Farce.

Mir war das zu dumm, den Schein hatte ich ja eh schon. Ich löste nur die gestellten Probleme und ignorierte den inhaltlichen Teil. Letztlich habe ich mir vom Professor dieser Vorlesung wie auch für die Einführung in die Kern- und Teilchenphysik nur unterschreiben lassen, dass ich den Kurs besucht habe. Das sollte für die Credits reichen. Schade nur, dass ich in beiden Fällen nicht viel akademisch mitgenommen habe.

Dann aber doch

Die Zeit darauf war angenehmer. Jetzt waren ja auch ein paar mehr Leute da. Genehme Neuentdeckungen für mich: eine weitere freundliche Bar für den Aperitivo mit kubanischem Dekor, der freie Eintritt am Mittwoch in den Club «Magazzini Generali», der auch über Mailand hinaus nicht unbekannt ist. Eine spannende Kunstausstellung von Alfredo Jaar fand zugleich in einer großen Halle, dem Hangar Bicocca, und in dem Ausstellungsräumen des Spazio Oberdan, eigentlich primär Programmkino, statt: «It is difficult»

Wohnheim Via Bassini

Die Entscheidung, dass Wohnheim zu wechseln, habe ich nicht bereut. Für mich ist es wirklich wichtig, einen eigenen Rückzugsraum zu haben. Anderswo hätte ich kein bezahlbares Einzelzimmer bekommen können. Das Zimmer ist gar nicht mal so klein und viel sinnvoller als im «Collegio Santa Sara» ausgestattet. Der Schreibtisch ist annehmbar groß, es gibt eine Lampe am Schreibtisch und eine zum Lesen am Bett, und endlich genug Ablage- und Stauraum. Dem Bett merkt man das höhrere Alter an, es ist landestypisch unbequem. Leider ist mein Schreibtischstuhl kaputt, die Lehne lässt sich nicht aufrecht stellen. Vielleicht sollte ich das mal reklamieren.

Die Heizung kennt  nur die Einstellung «aus» und «volles Rohr». Immerhin musste man aber bis jetzt nie frieren. Das Bad teile ich mir mit meinem Nachbarn Nyima, mit dem ich zusammen hergewechselt bin. Es gibt sogar zwei getrennte Waschbecken und Spiegelschränke. Weniger angenehm gelöst ist leider die Küche. Es gibt nur eine für den vierten und den fünften Stock und ich wohne gerade so, dass ich immer die Treppe heraufsteigen muss. Zum Kaffekochen mit der Mokakanne habe ich zum Glück heimlich eine kleine Kochplatte für die Fensterbank. Immerhin ist die Küche ausreichend groß und mit genügenden Kühlschränken ausgestattet. Es gibt dort auch Schrankfächer für die einzelnen Zimmer, aber die scheinen alle belegt oder mit verloren Schlüsseln verschlossen zu sein. Unverständlicherweise wird jeden Abend um 23 Uhr abgeschlossen.

Solche Bevormundung bin ich ja schon aus dem letzten Wohnheim gewohnt, ich nehme sie halt zähneknirschend in Kauf. Wenn (ohne Vorankündigung) Zimmerreinigung ansteht, dann ist das so und man hat Platz zu machen. Gäste müssen wieder ein Ausweisdokument beim Portier hinterlegen. Man fühlt sich nicht wirklich als erwachsen betrachtet.

Mir scheint die ganze Atmosphäre hier deutlich anonymer als in Santa Sara zu sein. Das liegt wohl daran, dass das alte Wohnheim deutlich kleiner war und fast alle in Doppelzimmern wohnten. Meine neuen Nachbarn lerne ich so zwar nur langsam kennen, aber mir ist es lieber als das vorige pausenlose Zusammengehocke.

Die Wohngegend ist auch viel schöner. Es gibt mehr Bäume, brauchbare Geschäfte und es ist sauberer. Man merkt, dass die «Città di Studi», wo die Ingenieurshochschule «Politecnico» und die Naturwissenschaften meiner Uni sitzen. Die Atmosphäre auf den Straßen ist freundlicher. Zur Uni laufe ich jetzt in wenigen Minuten. Mein Fahrrad ist hier sinnvoller denn je. Das Zentrum ist etwa so weit entfernt wie vorher. Beschwerlicher ist der Weg in die südlich der Stadt gelegenen Viertel zur abendlichen Unterhaltung. Dafür ist aber auch die nächste Haltestelle des einzigen Nachtbus näher gelegen.

Vom Wohnheim zur Fakultät

A: Bett, B: Hörsaal

Beschwerlicher Weg ins Netz

Der Internetzugang ist auch überreguliert. Auf einem Proxy sitzt ein Filter, der allerhand sperrt. Dabei schlägt er gerne sehr über die Strenge. Die Filter sind offensichtlich nicht rein von Hand eingepflegt, unzählige unverfängliche Seiten werden dann als Spam, Pornographie oder Spieleseite klassifiziert und gesperrt. Zur Umgehung benutze ich einfach ohne merklichen Geschwindigkeitsverlust den Web-VPN-Zugang meiner Uni. Das meiste kann man auch über die extra zu diesem Zweck eingerichteten Proxys bei Circumventor erledigen.

Beim Filterproxy muss man sich auf eine Microsoft-spezifische Art anmelden. Das einzige Programm, dass das bei mir kann, ist Firefox. Für alles andere kann man zum Glück einen lokalen «Zwischenproxy» installieren. cntlm ist gut. Das im Internet öfter empfohlene ntlmaps ist in Python geschrieben, langsam und bringt die CPU zur Weißglut.

Nicht zum Laufen zu bekommen habe ich irgendwas, was nicht über HTTP oder FTP läuft. Skype kann man also vergessen, ICQ und Jabber gehen immerhin über meebo.

Vorweihnachts-Mailand

Allgemein wird in Italien weniger Tam-Tam in der Vorweihnachtszeit gemacht. Das einzige Geschäft, in dem man schon Anfang Oktober Weihnachtsgebäck kaufen konnte, war der Lidl. Angefangen die große Tanne auf dem Domplatz aufzurichten wurde auch erst zweieinhalb Wochen vor Weihnachten (aus dem Trentino angeliefert, viele Zweige wurden an den schon stehenden Baum angeheftet). Ein paar Lichter gab es dann aber schon, aber nicht zu übertrieben.

Einen kleinen Weihnachtsmarkt gab es auch. Der war aber anders, als man es aus Deutschland kennt: Kaum Essen und Trinken und überhaupt kein Glühwein, dafür viel mehr oder weniger handwerklich gefertigter mehr-oder-weniger-Ramsch aus aller Welt.

Diese Straßenbahn habe ich leider nicht selbst gesehen, das Foto ist von jemand anderem:

   

Eine interessante alljährliche Veranstaltung in der Vorweihnachtszeit war aber die kostenlose Messe «L’Artigiano in Fiera», auf der handwerkliche Erzeugnisse ausgestellt wurden. Mehr als die Hälfte der Fläche wurde den diversen Regionen Italiens gewidmet. Interessant für Eramus-Studenten ist dieser Teil, weil man an jeder Ecke kostenlos die verschiedensten italienischen Schinken, Würste, Käse, Süßigkeiten, Trüffelpasten, Oliven-Öle, Weine und Liköre probieren konnte, ohne etwas kaufen zu müssen.

                 

Weniger interessant war das europäische Viertel, viel Tinnef, kaum was zu essen. Deutschland war überrepräsentiert mit einem halben Dutzend Biergärten.

       

Völlig uninteressant war dann der Teil, der sich dem Rest der Welt widmete. Hier kamen die Aussteller nicht aus den Ländern, sondern waren eher italienische Unternehmen, die Geschenkartikel mit Ethno-Chic feilboten.